Edinburgh Yarn Festival 2018

Wie erklärt man Nicht-Strickerinnen dieses Wollfest? Zuerst habe ich nach Vergleichen gesucht. Ein riesiger Luxemburgerli-Laden? Dort darf man nur anfassen, was man kauft. Eine interessante Buchhandlung (wie es nicht mehr viele gibt)? Dort kann ich nur fertige Produkte kaufen. Ein Kleidergeschäft, nur mit meiner Grösse? Dito. Eine Kunstausstellung mit meinem Lieblingskünstler? Auch hier kann man nichts anfassen, mitnehmen kann man nur Inspiration.

Aber am Wollfest in Edinburgh kann man von Stand zu Stand gehen, die Farben, die Garne und Strickmuster bestaunen, darf alles anfassen. Ein sinnliches Erlebnis.

An drei Tagen stellen hier Garnproduzenten, Designer und Färber ihre Kreationen vor. Rund 90 Stände gibt es, und keiner ist wie der andere. Keine Massenware gibt es hier, das Wollfest ist den Indie-Färbern mit satten, schrillen und aufregenden Farbkomibationen, den Naturwolleproduzenten mit Wolle in Dutzenden Farbtönen von cremig-weiss bis fast nachtschwarz und den Strickdesignern vorbehalten. Organisiert wird es von zwei Privatpersonen, Strickerinnen natürlich.

Das Besucher-Interesse ist riesig. Tickets gab es online, nach kurzer Zeit waren sie ausverkauft. Am zweiten und dritten Tag kann man vor Ort ein Ticket kaufen. Fast eine Stunde muss ich anstehen. Trotz eisigem Wind ist die Stimmung sogar in der Warteschlange gut, fast alle sind mit warmen Mützen, Schals und Handschuhen ausgerüstet. Man lernt sich kennen. Neben mir eine Frau aus Rhinebeck New York. Sie hat letztes Jahr mit Stricken angefangen, denn sie wohnt in jener Kleinstadt, in der das interessanteste Wollfestival in den USA stattfindet: „Und ich konnte nicht stricken. Das musste ich ändern.“ Hinter mir zwei Damen aus Milano, die in einer Gruppe stricken und deren Stricklehrerin bereits drinnen ist. Vor uns eine kleine Gruppe Briten, Frauen und Männer.

Den grössten Teil des ersten Tages habe ich mit Staunen verbracht: Zuerst fallen die Farben und ungewohnten Farbkombinationen der Garnstränge auf, satte Grüns und strahlende Violetts, einen Stand weiter die von der Natur inspirierten Farben eines Shetland-Produzenten. Und da ich mich in letzter Zeit vor allem mit Naturwolle beschäftigt habe, faszinieren mich die natürlichen Farbtöne. Die Organisation KnitBritish hat in kleinen Schubladen Vlies- und Strickstücke von rund einem Dutzend verschiedener Schafsrassen zusammengestellt. Einer der haptischen Höhepunkte des Tages.

Irgendwann geht das Staunen ins Entdecken über: Wolle, die nicht superwash ist und trotzdem in der Maschine gewaschen werden kann, mit Seide! Ein Schal, den ich schon im Internet gesehen habe, den ich aber nun anfassen kann. Und diese glänzende, weiche Wolle in den wunderbarsten Farben: aus Kamel und Seide, ein Traum. Und dann die Bücher; bei zweien kann ich nicht widerstehen, obwohl ich ja keine Bücher mehr kaufe (bei unserem nomadischen Lebensstil). Auch Leute gibt es zu entdecken: die Frauen von Eden Cottage Yarn, wo ich ab und zu etwas online bestelle, seit ich ihre Wolle erstmals in einem Londoner Geschäft gesehen habe. Victoria, eine Meisterfärberin, die bis vor Kurzem in der Küche gefärbt hat, und ihre Helferin Laura. Man begrüsst sich, als kenne man sich schon lange. Die Leute von Uistwool, deren Wolle ich in drei Varianten in meiner preisgekrönten Sofadecke verstrickt habe.

IMG_2763.JPG
Die freundlichen Frauen von Eden Cottage Yarn: Victoria (rechts) und Laura.

Einiges habe ich verpasst; das neue Buch von Susan Crawford zum Beispiel, die jahrelang alte Shetland-Strickstücke erforscht, ihre Geschichten niedergeschrieben und eine umfangreiche Mustersamlung herausgegeben hat. Gekauft hätte ich das Buch nicht (siehe oben), aber die Pullover und anderen Strickstücke hätte man in natura bestaunen können. Auch mit der Autorin hätte man reden können. Ich hätte auch mit der Gründerin von Ravelry, der wichtigsten Website für Strickerinnen, reden können. Sie sass am Tisch neben mir – aber erkannt habe ich sie erst auf einem Instagram-Post einige Stunden später.

Wichtiger Bestandteil des Festivals sind die grossen Tische (800 Sitzplätze). Hier kann man sich nicht nur ausruhen, hier treffen sich Strickerinnen – und stricken und geniessen. Oder vergleichen die Einkäufe. Oder tauschen aus, wen sie getroffen oder erspäht haben. Die meisten Besucherinnen sind – im Gegensatz zu mir – mit dem Who is Who der Strickwelt vertraut. Und an Gesprächsstoff fehlt es nicht. Der meistgehörte Begrüssungssatz: I like your sweater! Denn praktisch alle tragen ihren besten oder neusten Pullover, Schal oder Jacke.

Ich habe viel mitgenommen von diesem Wollfest. Eine Tasche voll Wolle natürlich. Ja, auch Kamelwolle ist dabei. Aber noch wichtiger sind die Ideen für neue Projekte und das wohlige Gefühl, dass Stricken letztlich doch viel mehr ist als Zwei rechts, Zwei links.

IMG_2751.JPG

P.S. Im schottischen Nationalmuseum habe ich Dolly angetroffen: das wohl weltweit berühmteste Schaf: Es war geklont, hat aber nur 6 Jahre gelebt. Ausgestopft darf es sich nun auf ewig neben einer Lokomotive in einem Glaskubus drehen.20180320_124201

Advertisements